Die Gründungsgeschichte von Tricentis

Wie wir die Schlacht um Softwaretest-Automatisierung mit dem Kampfgeist der Spartaner für uns entschieden

Von Wolfgang Platz
Tricentis-Gründer & Chief Strategy Officer

Wolfgang Platz

Offiziell wurde die Firma Tricentis 2007 „gegründet“, ihre Entstehungsgeschichte beginnt jedoch 1997, als ich mich mit drei Kollegen zusammentat, mit denen ich IT-Dienstleistungen für Versicherungsunternehmen erbrachte. Wir entwickelten zum Teil selbst Software, unser Fokus lag aber auf der Software-Qualitätssicherung. itätssicherung.

1999 fragte eine der weltweit größten Versicherungen unsere Firma um Unterstützung bei der Einführung von automatisierten Softwaretests. Nachdem wir alle Tools auf dem Markt ausprobiert hatten, entschieden wir uns für SQA Robot (das später von Rational gekauft wurde, danach von IBM). Nach ersten vielversprechenden Ergebnissen tappten wir direkt in die Wartungsfalle, die in der Softwaretest-Automatisierung bis heute das größte Problem darstellt. Testfälle zu erstellen war einfach (zumindest für jemanden mit einem technischen Hintergrund), aber sie zu pflegen war ein Albtraum, der sehr viel Zeit und Programmierarbeit erforderte. Es war sofort klar, dass das Testteam unseres Kunden dem ganzen Wartungsaufwand niemals gewachsen war. Also beschloss ich, eine Abstraktionsebene zu programmieren. Wir nannten sie „Tosca Explorer“ (Über den Namen Tosca erzähle ich später mehr).

Dieser Ansatz der Testautomatisierung war von Anfang an erfolgreich und der Kunde weitete die Testautomatisierung rasch aus. Nach und nach fragten Unternehmenskunden aus Österreich und der Schweiz bei uns an: Nachdem ihre ersten Versuche der Testautomatisierung gescheitert waren (wie immer tappten sie in die Wartungsfalle), suchten sie nach einer anderen, nachhaltigeren Herangehensweise an die Testautomatisierung. Zu dieser Zeit war ich Projektmanager, Testmanager und Toolentwickler in einem.

Bis 2003 hatten wir erkannt, dass es eine tatsächliche Marktnachfrage nach einer Definition automatisierter Tests auf „Business Ebene“ und ohne Programmierung gab. Wir stellten ein kleines Team von IT-Developern zusammen, das sich auf Tosca konzentrieren sollte. Gleichzeitig wurde uns klar, dass wir unsere eigene Automatisierungsengine entwickeln mussten, die die notwendige Steuerungsqualität und Flexibiltät bei der Testausführung aufwies (anstatt auf Drittanbieterebenen wie SQA Robot oder WinRunner uzurückzugreifen). Wir betrieben einen beachtlichen Forschungs- und Entwicklungsaufwand für diese Engine, verteilten dann die erweiterte Version von Tosca an unseren Kundenstamm, der sich mittlerweile auf Deutschland ausgeweitet hatte.

Die Resonanz war so positiv, dass ich 2006 entschied, dass die Zeit nun reif war, dieses Produkt auf dem freien Markt anzubieten. Meine drei Kollegen schlugen beruflich einen anderen Weg ein in Richtung Managementberatung (die Firma wurde später von SQS – heute Expleo- gekauft), und ich widmete mich ganz der Weiterentwicklung von Tosca und seiner Einführung auf dem Markt der Softwaretest-Tools.

Mir war klar, dass egal wie bahnbrechend die Tosca-Technologie war, wir ihr Marktpotenzial ohne ein professionelles Verkaufsteam nicht voll ausschöpfen können. Deshalb kontaktierte ich Franz Fuchsberger Ende 2006. Wir hatten zuvor bei einigen Projekten in Österreich zusammengearbeitet, als er bei Compuware Managing Director für Österreich und Mittel- und Osteuropa war und wir freuten uns, wieder zusammenzuarbeiten und diese neue Chance zu nutzen.

2007 war es dann offiziell: Tricentis war geboren

Über Scripting und Softwaretests

Ich komme aus einem sehr technischen Hintergrund in die Softwaretest-Branche, und darauf war ich immer stolz. Dennoch musste ich anerkennen, dass das hohe Niveau an technischem Wissen, das andere Testtools erforderten, eine riesige Hürde war, um einen akzeptablen Grad der Automatisierung zu erreichen. Also entschied ich, meinen technischen Hintergrund zu nutzen, um eine Technologie zu entwickeln, die den Testern beim Erstellen von automatisierten Tests und bei deren Wartung hilft, ohne, dass sie sich dabei mit all den technischen Details von niedrigem Niveau befassen müssen.

Mein Ziel war es, die technische Automation unter einer komfortablen, nicht technischen Bedienungsebene zu abstrahieren, die man ohne technisches Wissen verstehen konnte. Sie müssen ja auch nicht verstehen, wie ein Vergaser funktioniert, um Auto fahren zu können!

Dabei wurde die Not zur Tugend: In einem großen Projekt war ich verantwortlich dafür, die Testautomatisierung in einem 20-köpfigen Team einzuführen, das aus Testanfängern ohne jegliche Scripting-Erfahrung bestand.

Meine eigenen „Flitterwochen“ mit skriptbasierten Testautomatisierungstools hatten ja nur kurze 10 Tage gedauert. Das erste Mal, als ich die Tests wieder ausführen wollte, waren viele Testfälle nicht mehr lauffähig, und beim Anblick all dieser „False-Positives“ wurde augenscheinlich, dass dieser Testansatz nicht nachhaltig war – und das war bereits 1999! Doch warum verlassen sich so viele zwei Jahrzehnte später noch immer so sehr auf skriptbasierte Tools? Ich denke, ein Grund dafür ist, dass Initiativen zur Testautomatisierung meist von Entwicklern oder anderen sehr technisch versierten Teammitgliedern ins Rollen gebracht werden. Diese Leute fühlen sich nicht nur im Umgang mit Code wohl, sondern sind auch fähig, ihn als ein mächtiges Instrument einzusetzen. In den meisten Fällen jedoch wird die Testautomatisierung schlussendlich in den Verantwortungsbereich von Testern übertragen, die keine Programmierexperten sind. Sie brauchen ein Tool, das sie beim Anwenden ihrer Business- und Testkenntnisse unterstützt, nicht ein Tool, das ihre Fähigkeit zu testen behindert und unterbricht.

Ein weiterer Grund ist, dass es einfach nicht genug Lösungen gibt, die über den skriptbasierten Ansatz hinausgehen: Für die modellbasierte Testautomatisierung, wie sie Tosca bietet, braucht es eine extrem genaue, starke und stabile Steuerung. Beim Testen kommt es zu vielen außergewöhnlichen Situationen und es ist technisch viel schwieriger, solche Situationen von einer Businessebene aus in den Griff zu bekommen, als von der Codeebene. Um auf der Geschäftsebene simpel bleiben zu können, braucht es im Hintergrund eine ausgereifte und aufwendige Technologie als Steuerung.

Über den Namen „Tricentis“

Als es 2007 Zeit war, einen neuen Firmennamen zu finden, fand sich die ganze Firma (genauer gesagt 22 Mitarbeiter) zum Brainstorming zusammen. Wir gaben anonym unsere Ideen ab und wählten dann die Top 3. Diejenigen, die die Top 3 vorgeschlagen hatten, wurden gebeten, die Geschichte hinter ihrem Namensvorschlag zu erzählen.

Offensichtlich hat der Name „Tricentis“ gewonnen. Aber wieso? Nun ja, zunächst erfüllte „Tricentis“ unsere Anforderungen für einen Namen:

  • Die Domain musste verfügbar sein
  • Das Wort musste in all den Sprachen unserer Mitarbeiter und Kunden leicht auszusprechen sein
  • Das Wort musste einfach zu schreiben sein (ohne es buchstabieren zu müssen)

Letztendlich war es aber auch die Geschichte dahinter (meine Geschichte, gebe ich zu) die alle überzeugt hat. Ich sprach über die Schlacht bei den Thermopylen: die Geschichte des Films „300“.

480 vor Christus schlugen die Griechen eine berühmte Schlacht gegen die Perser. Nachdem sie den Nahen und Mittleren Osten unter ihre Kontrolle gebracht hatten, wollten die Perser ihre Herrschaft auf das europäische Festland ausdehnen, doch dazu mussten sie zuerst die Griechen besiegen. Zu dieser Zeit bestand Griechenland aus mehreren Stadtstaaten, von denen Sparta und Athen die wichtigsten waren. Athen war bekannt für Philosophie und Partys, die Spartaner hingegen setzten auf ihre Stärke im Kampf: junge Männer wurden geboren, um sie zu Kriegern auszubilden und in den Krieg zu schicken — ein zentrales Element ihrer Kultur.

Als der persische Großkönig Xerxes den Kampf gegen die Griechen vorbereitete, rief Athen die Spartaner zu Hilfe und sie schlossen sich zu einem Bund zusammen. Xerxes plante, zuerst die Spartaner zu töten. Sie waren nämlich zahlenmäßig weniger als die Athener und daher vermeintlich leichter zu besiegen. Er griff im Süden des Peloponnes (bei den Thermopylen) mit 11.000 Persern 300 spartanische Krieger an. Diese 300 Spartaner verloren zwar die Schlacht, aber sie hielten dem übermächtigen Feind so lange Stand, dass die Griechen ihre Truppen in Stellung bringen und schlussendlich Xerxes besiegen konnten.

Dank diesen 300 Spartanern schafften es die Perser nie, Europa zu erobern. „300“ heißt auf Lateinisch „tricenti“.

Die Analogie zu uns: 2007 war der Markt für Softwaretestingtools dominiert von HP (dem heutigen MicroFocus). Wir traten mit einem kleinen Team an, um HP (den Xerxes aus der Geschichte) zu bekämpfen und zu besiegen. Tatsächlich sind wir heute weit mehr als 300 Mitarbeiter, und Tricentis ist Leader in Gartners Magic Quadrant – wogegen MicroFocus dort nicht mehr aufscheint. Wir haben Xerxes besiegt!

Das ist die Geschichte über die Namensfindung von „Tricentis“.

Über den Namen „Tosca“
Ich gebe zu, dass ich das Tool einfach „Tosca“ nannte, weil mir die italienische Oper „Tosca“ schon immer gefiel.

Wahrscheinlich wird hier ein Muster erkennbar: eine Firma bekommt einen italienischen (lateinischen) Namen, ein Produkt wird nach einer Oper von einem Italiener (Puccini) über eine Region in Italien (la Toscana) benannt. Wie viele Mitteleuropäer liebe ich eben die italienische Kultur und so verband ich eine Sache, die mir gefällt, mit einer anderen, nämlich mit Österreich, Softwaretesting und natürlich mit dieser dynamischen und schnell wachsenden Firma.